15.07.2025
Das ehemalige Quelle-Areal in Nürnberg ist längst Teil des Stadtgedächtnisses – und gleichzeitig Schauplatz eines der ambitioniertesten Revitalisierungsprojekte Deutschlands. Mit The Q entsteht hier ein urbanes, gemischt genutztes Quartier, das nicht nur auf moderne Nutzung und Energieeffizienz setzt, sondern auch auf den Erhalt und die Weiterentwicklung baukultureller Substanz. Gerade in Zeiten politischer, wirtschaftlicher und regulatorischer Umbrüche ist Bauen im Bestand ein strategischer Hebel – ökologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Im Interview gewährt Frau Dietze, Bauingenieurin und Tragwerksplanerin bei Werner Sobek, Einblick in das Zusammenspiel aus technischer Präzision und nachhaltiger Verantwortung: Welche Herausforderungen begegnen Planer im Bestand? Wie lassen sich kreative Lösungen mit Wirtschaftlichkeit vereinen? Und was kann The Q über Nürnberg hinaus an Impulsen geben?
Frau Dietze, Sie sind als Bauingenieurin für die Werner Sobek AG im Fachplanerteam für The Q in Nürnberg. Was genau ist Ihre Aufgabe bei diesem Projekt?
Dietze: Mein Team und ich sind bei The Q verantwortlich für die Tragwerksplanung der Umbaumaßnahmen in den Bestandsgebäuden (Bauteile 1+4) sowie für den Neubau der Tiefgarage.
Tragwerke von Neubauten, insbesondere im Ingenieurbau, können sehr komplex und technisch anspruchsvoll sein. Was ist das Besondere am Quelle-Areal aus den 1950er Jahren?
Dietze: Das ehemalige Versandzentrum der Firma Quelle ist tatsächlich kein gewöhnliches Gewerbegebäude aus dieser Zeit. Der vom deutschen Architekten Ernst Neufert geplante Komplex war damals in vielerlei Hinsicht ein Vorreiter – sowohl was die Nutzung als auch was das Tragwerk anbelangt.
Die klare, minimalistische und sich wiederholende Anordnung der Tragelemente spiegelt deutlich den vom „Bauhaus“ geprägten Funktionalismus wider. Zudem kamen auch Bauweisen zum Einsatz, welche zur damaligen Zeit neuartig und definitiv unüblich waren – wie zum Beispiel die Spannbetonträger im Bauteil 1.
Welche konstruktiven oder statischen Überraschungen haben Sie beim Umbau von The Q erlebt?
Wie bei eigentlich allen älteren Projekten wurde auch bei The Q damals nicht alles exakt so ausgeführt, wie in der uns vorliegenden Planung dargestellt. Zum Beispiel wurden diverse Fundamente auf einer abweichenden Höhenlage und mit abweichenden Geometrien hergestellt – das wurde jeweils erst im Zuge der Bauarbeiten sichtbar und konnte dann korrekt in unsere Planung übernommen werden.
Während der Bauphase wurden beinahe täglich neue Abweichungen zu unserer Planung entdeckt, die wir beurteilen und in irgendeiner Form in unsere Statik und Pläne einfließen lassen mussten. Zudem wurden erst während des Umbaus diverse Schäden an bestehenden Stützen oder Trägern sichtbar, für die wir dann Sanierungskonzepte erarbeiten mussten. Das bedeutet einen hohen planerischen Aufwand und große Flexibilität im Projektablauf.
Gab es in diesem Projekt besondere bauliche Maßnahmen oder innovative Lösungen, um die Herausforderungen des Bestands optimal zu bewältigen?
Das großflächige Einschneiden von Lichthöfen in die bestehende Struktur war ein signifikanter Eingriff in das Rahmensystem, welches der Aussteifung der Gebäude diente. Um die Steifigkeit der Gebäude zu gewährleisten, mussten neue Aussteifungselemente geplant werden – und das, ohne die Nutzung oder das Erscheinungsbild zu beeinträchtigen. Für Bauteil I haben wir deshalb z.B. Stahlbetonwände entwickelt, die durch großzügige Öffnungen auf einen ästhetisch ausgeformten Rahmenquerschnitt reduziert werden konnten.
Wie gelingt es Ihnen, die Balance zwischen der Erhaltung bestehender Bausubstanz und den Anforderungen an moderne Technik, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz zu finden?
Bei jedem Eingriff in den Bestand ist zunächst die Verhältnismäßigkeit entscheidend: Was ist technisch notwendig, was wirtschaftlich sinnvoll, was ökologisch verantwortbar? Die Herausforderung besteht darin, Planungsaufwand und Zielsetzung in Einklang zu bringen. Nicht jede Komfortfunktion eines Neubaus muss zwangsläufig auch im Bestand erfüllt werden. Oft sind kreative Kompromisse gefragt, um Nutzerfreundlichkeit, Ressourcenschonung und wirtschaftliche Tragfähigkeit unter einen Hut zu bringen. Dabei gilt es, die Potenziale bestehender Bausubstanz gezielt zu nutzen – auch um Baukosten und graue Energie zu reduzieren.
Welche Herausforderung bedeutet das für das Planerteam, wenn immer mehr Stimmen nach ‚Bauen im Bestand’ lauter werden?
Wir haben in den letzten Jahren in unserem Büro bereits eine deutliche Zunahme der Bestandsprojekte erlebt. Die Herangehensweise und die Herausforderungen für uns Tragwerksplaner unterscheiden sich beim „Bauen im Bestand“ deutlich von der Planung von Neubauprojekten. Daher haben wir eine „Expertengruppe Bestand“ gegründet, welche Erfahrungen und Wissen aus diesem Bereich zusammenführt und den internen Wissenstransfer gewährleistet.
Welche unterschiedlichen Anforderungen gibt es bei der Planung eines Neubaus im Gegensatz zum Bauen im Bestand?
Aktuell sind sehr viele bauliche Anforderungen am Neubau orientiert; sie können im Bestand oft nur schwer oder mit großem Aufwand umgesetzt werden. Auch Anforderungen des Denkmalschutzes stellen Bauherrn häufig vor große (finanzielle) Herausforderungen. Der Schutz historischer Bausubstanz ist wichtig – wir brauchen aber eine gewisse Flexibilität in der Auslegung. Denn wenn Investoren von zu vielen Einschränkungen und Anforderungen abgeschreckt werden, bleibt am Ende von einem denkmalgeschützten Gebäude auch nur eine Ruine.
Wenn Sie die Wahl hätten, Refurbishment oder Neubau, wofür würden Sie sich spontan entscheiden und warum?
Das hängt stark von der jeweiligen Projektaufgabe ab. Ein gut durchdachtes Refurbishment kann ökologisch, städtebaulich und wirtschaftlich klare Vorteile bieten – vor allem, wenn das Bestandsgebäude eine starke Identität oder eine funktionale Substanz mitbringt. Gleichzeitig kann ein Neubau dort sinnvoller sein, wo Anforderungen an Nutzung, Struktur oder Effizienz mit dem Bestand nicht vereinbar sind. Für uns als Tragwerksplaner liegt der besondere Reiz im Bestand vor allem in der Komplexität – weil hier jedes Projekt einzigartig ist und besonders kreative Lösungen fordert.
Welche Rolle spielen digitale Planungsmethoden wie BIM oder 3D-Scanning bei der Revitalisierung von Bestandsgebäuden wie The Q?
Eine Planung mit BIM kann auch bei Bestandsprojekten für die Kommunikation und das Schnittstellenmanagement zwischen den einzelnen Fachdisziplinen genutzt werden und zu einer erhöhten Planungseffizienz führen. Bedingung dafür ist aber, dass vor Beginn der Modellierung eine möglichst umfängliche und verlässliche Planungsgrundlage in Form von Bestandsunterlagen und einem Aufmaß im entkernten Zustand vorliegen. Für Letzteres hat sich der 3D-Scan als sehr effektive Methode etabliert, die dem Planerteam auch hinsichtlich der Weiterverarbeitung der Daten neue Möglichkeiten bietet.
Was können zukünftige Projekte aus der Arbeit an The Q lernen? Gibt es Best Practices, die sich auch auf andere Bestandsgebäude übertragen lassen?
Auch wenn das aus diversen Gründen nicht bei jedem Bestandsprojekt möglich ist, sollte bestenfalls gleich zu Beginn der Planung ein Aufmaß des Gebäudes im entkernten Zustand vorliegen. Dadurch kann das Risiko von nachträglich erforderlichen Umplanungen deutlich reduziert werden – eine wichtige Voraussetzung für die Erstellung von belastbaren Zeitplänen und Kostenberechnungen.
Inwiefern kann aus Ihrer Sicht The Q als Impulsgeber für die Stadtentwicklung in Nürnberg und darüber hinauswirken – sei es in architektonischer, nachhaltiger oder wirtschaftlicher Hinsicht?
Die Nürnberger sind dem ehemaligen Versandzentrum der „Quelle“ sehr verbunden, viele verbindet sogar eine persönliche Geschichte mit diesem Areal. Insofern wird durch die Revitalisierung dieses prominenten Komplexes endlich eine langjährige Wunde in der Nürnberger Seele geheilt. Zudem wird der gesamte Stadtteil aufgewertet und für Anwohner und Gewerbetreibende attraktiver. Aber auch über die Stadtgrenzen Nürnbergs hinaus setzt die Revitalisierung des Neufert-Baus ein Zeichen hinsichtlich des nachhaltigen Umgangs mit unserem baukulturellen Erbe.